Die Baugeschichte der Kirche im Oberdorf

Erste urkundliche Erwähnung und Ausbau

Die heutige Auferstehungskirche ist innerhalb des Zwei-Dörfer-Dorfes Arheilgen im Spätmittelalter nachweisbar als Pfarrkirche des katzenelnbogener Oberdorfes. Im Urkundenbestand des katzenelnbogener Grafenhauses wird sie erstmals 1426 erwähnt. In diesem Jahr stellt das Grafenhaus die Behauptung auf, die Kirche im Oberdorf sei die Haupt- und Pfarrkirche auch für das Unterdorf. Allerdings konnten dessen Hoheitsrechte erst 1437 durch Kauf erworben werden. In diesem Zeitraum wird die Kirche ausgebaut. Sie erhält einen Turm. Die Hölzer unter dessen Fundament sind zwischen 1420 und 1440 geschlagen worden.

Arheilger Kirchenkonkurrenz:
Die Wallfahrtskirche und die Kilianskirche

Die benachbarte Wallfahrtskirche „Unsrer lieben Frauen“ ist die ältere und bedeutendere Arheilger Kirche und liegt vor dem Unterdorf. Dieses wird spätestens 1405 mit dem Oberdorf zusammengeschlossen und geschützt durch einen um beiden Dörfern herum gezogenen gemeinsamen Dorfgraben. Die Oberdorfkirche liegt seitdem zentral innerhalb des befestigten Areals, die Liebfrauenkirche dagegen westlich außerhalb auf dem heutigen Friedhofsgelände. Im Jahr 1526 ist die letzte Finanztransaktion der Wallfahrtskirche beurkundet. Sie ist wenig später zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt abgebrannt und nicht wieder aufgebaut worden.

Die Kirche im Oberdorf tritt jetzt, was Kirchenangelegenheiten betrifft, das Erbe an. Sie verwahrt bis heute den goldenen Messkelch der Marienkirche und übernimmt Reststücke von geretteten Pergamenturkunden dieser Kirche. Aus einem dieser Reststücke, das auf die Zeit um das Jahr 1370 datiert wird, geht hervor, dass sie einen Kilians-Altar beherbergt.  Diese Nachricht ist der älteste schriftlich erhaltene Nachweis über die Existenz dieses Altars und seiner Kirche. Das sagt noch nichts aus über ihr tatsächliches Alter, Mutmaßungen hierüber verlieren sich jedoch in bloßer Spekulation. Der dem Würzburger Bistumsheiligen Kilian geweihte Altar in der Pfarrkirche des Arheilger Oberdorfes nimmt Bezug auf die örtlichen Herrschaftsverhältnisse. Die Grafen von Katzenelnbogen tragen seit dem Spätmittelalter das Oberdorf zu Lehen vom Hochstift Würzburg.

Die ehemalige Kilianskirche im Oberdorf, zeigt in der Nordwestecke des Kirchenschiffs einen 1955 freigelegten älteren Mauerverband, der auf einen Vorgängerbau hinweist. Ob es sich dabei um eine frühere Kirche oder Kapelle handelt, ist nicht zweifelsfrei zu klären. Denn noch 1508 wird urkundlich ein Burgflecken benannt, der unmittelbar an die Kirche grenze. Der aufgefundene ältere Mauerwinkel kann also auch zu einer ehemaligen Burganlage auf der Düne gehört haben, auf der die Kirche steht. Durch den Pfarrhof soll sich lange Zeit ein Graben gezogen haben. Ein Graben rund um Düne und Burg könnte sein Wasser vom nahen Ruthsenbach bezogen haben. Dass zu einer solchen kleinen Burganlage auch eine Kapelle gehört, ist im Mittelalter Standard. Sie darf in Kämpfen nicht beschädigt oder zerstört werden und schützt so die Befestigung gegebenenfalls zwangsläufig mit.

Die benachbarte Kirche „Unser lieben Frauen“ beim Unterdorf  kann ihrer Bedeutung nach und unter hierarchischen Gesichtspunkten als eine Vorgängerin der Kirche im Oberdorf angesehen werden, aus der sich die Kilianskirche unter dem wachsenden Einfluss des katzenelnbogener Grafenhauses nach und nach herauszulösen sucht.

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Die hessische Zeit

Die Grafschaft Katzenelnbogen und damit auch Arheilgen fällt – nach dem Tod des letzten Katzenelnbogeners anno 1479 – durch Heirat der Erbtochter dem hessischen Landgrafen zu. In hessischer Zeit dann beginnt ein neues Kapitel in der Baugeschichte der Kilianskirche im Oberdorf. Dem Kirchenschiff wird im Osten ein gotischer Chor angegliedert. Der erste der drei Schlusssteine im Gewölbe hält das Entstehungsdatum fest: Anno D(o)m(ini) MCCCCLXXXII, im Jahr des Herrn 1482.

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Katastrophen

Nach den Umbrüchen der Reformationszeit, die seelsorgerlich, aber auch organisatorisch und wirtschaftlich weitreichende und tiefgreifende Veränderungen mit sich bringt, bleibt die nunmehr evangelisch-lutherische Arheilger Kirche im Oberdorf in den folgenden Jahrzehnten von Katastrophen nicht verschont.

1569

Auf dem Titelblatt der Jahresrechnung des Kirchenkasten von 1569 findet sich die Nachricht: „Anno 1569 uff günen Donnerstag Ist unser Kirch zu Arheilgen zum erstenmal abgebrannt, in welchem Brand 2 Weiber, 4 Kinder und unzehlba- res Vieh mit verbrannt und 4 Glocken verschmolzen, und sind in der Aschen mit aufgeflogen Pfarrhof, Kaplaney, samt 280 Bäu.“ Die Brandursache ist nicht benannt. Der Brand wütet im Kirchturm heftiger als im Kirchenschiff, das nur im Innern ausbrennt. Der Wiederaufbau gelingt unter Mithilfe der benachbarten Gemeinden, die den verbrannten Leuten von Arheilgen beispringen.

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1622

Die nächste Katastrophe bricht 1622 herein, in der Anfangsphase des Dreißigjährigen Krieges, als die Soldateska des Grafen von Mansfeld erfolglos von Darmstadt abzieht und dafür in Arheilgen wie in anderen umliegenden Orten plündert: „sontags zu(r) nacht, den 26. Mal, (Ist) die kirch mitt gewalt uffgebrochen und beraubt worden, außer dem Kelch, welchen der Pfarrer davongebracht hat.“ Die Einwohnerschaft verliert ihre wertvollste Habe, die sie im Gotteshaus als einem geweihten und deshalb sicher geglaubten Ort untergebracht hatte. Aus Übermut werden auch die dort verwahrten unersetzlichen Unterlagen und Dokumente der Kirche angegangen: „alte bri(e)ff, Castenrechnungen und Uffhebregister (sind) ver- streuwet, unter die fuße getretten, darüber geloffen, zerris- sen und dann zertretten worden. Tabula rasa.“

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1635

Die nächste, die totale Katastrophe, lässt nicht lange auf sich warten. In Darmstadt wird 1635 notiert: „Gestern Montag, zur Nacht ist, Gott erbarme es, der Fleck Arheilgen bis auf acht oder neun Bäu, sammt der Kirche in die Asch(e) gelegt worden.“ Ein achtzigjähriger Mann gibt „bei seinem gläubigen Wort“ an, dass Franzosen, weil sie abziehen mussten, „zuvorderst Flecken und Kirch angestecket und endlich ausgebrannt“ hatten. Nur die Kirchenmauern und das Chorgewölbe überstehen den Feuersturm und ragen fast ein halbes Jahrhundert als Mahnmal aus den Trümmern des niedergebrannten Dorfes, zum Greuel mit Nesseln, Disteln und Dornenstreuchern bewachsen, als Behausung der Nachteulen und Raben, der Storck und Uhu. Erst 1654, nach Kriegsende, kann im unteren Teil des Rathauses ein Kirchsaal eingerichtet werden mit festgelegter Sitzordnung für 50 Arheilger. Jedoch muss dieser Kirchsaal noch lange Jahre geteilt werden mit Kirchgängern aus Wixhausen, Erzhauen und Kranichstein. Der Wiederaufbau der Kirche gelingt 1683, auch mithilfe einer Kollektensammlung in weitem Umkreis. Die Landgräfin Elisabeth Dorothea stiftet neben Geld das Bauholz aus ihren Wäldern. Allerdings zeigen sich nach bereits nach zwanzig Jahren erneut Bauschäden: „Die Kirche sey oben am Dach und Gebälk ganz offen“, sodass der Pfarrer bei Schnee- und Regenwetter am Altar kaum seinen Dienst tun könne. Das kann nicht lange danach behoben worden sein.

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1745

Neues Ungemach erleidet die Kirche 1745 als sie von französischen Truppen als Mehlmagazin missbraucht wird. Alle Stühle waren abgerissen, alles Tafelwerk zerschmissen, alle Fenster ausgerissen oder ausgeschossen, und das Fußpflaster war vollständig zertrümmert worden. „So ich sonntags Kirche halten wollte“, schreibt Pfarrer Bindewald im Kirchenbuch, „stund allemal ein Soldat mit Aufgepflanztem Bajonett neben mir“.

Die Renovierung ist nicht dokumentiert, genausowenig wie die von 1779. Unterlagen zu Renovierungen sind erst ab 1791 erhalten.

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Neuere Umbauten

Umbau um 1900

Grundlegendere Veränderungen, die sie bis heute prägen, erfährt die Kirche um die Wende zum 20. Jahrhundert. Der Aufgang zur Empore wird nach außen verlegt in einen Anbau an den Turm. In die Nordwand wird ein weiteres Fenster gebrochen, um mehr Helligkeit zu gewinnen. Die Fenster in der Südwand werden nach unten verlängert. Alle Fenster erhalten ein neues Maßwerk und werden entsprechend neu verglast. Die waagrechte Decke im Kirchenschiff wird abgenommen, die Querbalken abgesägt und durch Unterzüge aus Stahl ersetzt. Das restliche Balkenwerk erhält die heutige Verkleidung. Der Fußboden und die gesamte Innenausstattung werden erneuert. Die Tür zwischen Chor und Sakristei wird an den Kanzelaufgang verlegt. Im Chorraum wird das Sakramentshaus aus dem Mittelalter renoviert. Außen erhält die Kirche ihr heutiges Aussehen, indem das an sich höhere Dach des Chores über das niedrigere Dach des Kirchenschiffs bis an den Kirchturm verlängert wird. Dadurch hat das Kirchenschiff heute zwei Dächer übereinander, zwischen denen man unterwegs sein kann.

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Renovierung 1990

Die Notwendigkeit einer größeren baulichen Maßnahme zeichnete sich dann wieder zu Beginn der 1990er Jahre ab, als eine beginnende Rissbildung im Innenraum erste Alarmzeichen setzte. Der Grund hierfür war, wie man erst Jahre später herausfand, eine unter der Kirche liegende Torfschicht, die in Folge von Grundwasserabsenkungen ausgetrocknet war. Dies hatte zur Folge, dass sich der Kirchturm langsam nach Westen neigte und die mit ihm verbundenen Bauteile mit sich zog.
Als die umfangreichen Sanierungsarbeiten 1999 endlich beginnen konnten, waren diese Risse vor allem an den Stellen, an denen sich der spätgotische Bau an die vorhandene ältere Bausubstanz anschloss, mehrere Zentimeter breit geworden. Die Neigung des Turms betrug bei Beginn der Sanierung etwa 15 cm.

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Innenrenovierung 2006

Nach der Beseitigung der äußeren Schäden stand 2006 eine Innenrenovierung an. Das mittelalterliche Sakramentshäuschen erhielt eine Glastür, der Taufstein rückte von der Mitte in die neu geschaffene Taufkapelle. Neben dem Eingang zur Messeler Straße wurde eine Kinderspielecke mit Bodenheizung geschaffen.

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Literatur

Diese Übersicht stellt eine Überarbeitung und starke Kürzung der Ausführungen von Pfarrer Eberhard Ruhl dar, die ausführlicher im Kirchenführer oder in kompletter Form im Band 5 der Schriftenreihe Arheilger Geschichtsverein zu finden sind:

  • Schriftenreihe Arheilger Geschichtsverein, Bd. 5 (2017), Streiflichter 2, S. 30-37
  • Ev.-luth. Auferstehungsgemeinde (Hrsg.): Die Auferstehungskirche in Arheilgen – Baugeschichte, Ausstattung und Gemeindeleben, Justus von Liebig Verlag, Darmstadt, 2019; S. 54-61 (erhältlich im Gemeindebüro zum Preis von 12 €)

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